Armchair Traveller
THE PERFECT RECORD FOR THE ARMCHAIR TRAVELLER

40.43°n + 74°w mp3
29.57°n + 90.04°w
Hindustry
49.53°n + 8.35°e
16.28°s + 54.38°w & 49.57°n + 11.35°e
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rere 175 CD 2001 5250

 

Silvia Ocougne placked + hammered and e-bowed guitars + string instruments
Hella von Ploetz glassharp
Werner Durand traditional + invented wind instruments
Sebastian Hilken cello + frame drums + metal percussion

Heutzutage kommt die Musik von fremden Ländern und Menschen frei Haus, aus der Steckdose: Weltmusik! Weltmusik? Unter diesem griffigen Etikett und marktstrategischen Kampfbegriff gegen die Materialermüdungen von Pop und Klassik in Euroland und Großamerika wird aus allerlei exotischen Zutaten süßlicher Brei in etlichen Geschmacksvarianten zusammengerührt und, klebrig gebunden in digitaler Synthie-Sosse, obendrauf mit bunten Sample-Stückchen dekoriert, ohrgerecht verabreicht. Wozu verstehen, wenn man doch geniessen kann; wozu genauer unterscheiden, wo die musikalischen Versatzstücke herstammen; wozu die ursprünglichen Musiken, ihre kulturellen Kontexte, ihre Völker, Orte und Riten genauer kennenlernen, wenn es doch genügt, die exotischen Sounds geschickt zu arrangieren, um dem Fernweh die große Projektionsfläche zu bieten, um die Sehnsucht nach dem vermeintlich authentisch Fremden, das uns bitte nicht zu nahe kommen soll, zu stillen?

Armchair Traveller spielt verkehrt, verdreht die Tatsachen, um am Endevielleicht echte, authentische, ethnische Musik der Jetztzeit hervorzubringen. Sie ist echt, weil alles an ihr unecht ist; sie ist authentisch, weil völlig neu erfunden, um doch archaisch zu klingen, weil auf selbstgebauten Instrumenten aus Alltagsmaterialien oder auf üblichen Instrumenten mit speziellen Präparationen und Applikationen von Musikern erzeugt, die sich spezifische Spieltechniken weitgehend selbst angeeignet haben; sie ist ethnisch,weil der Zufall gleichzeitiger Anwesenheit in einer Großstadt wie Berlin sie zusammengeführt hat - metropolitane Zentren als Lebensräume für Quasi-Ethnien. Immer klingt die Musik von Armchair Traveller so "als ob". Sie verleugnet ihre Herkunft, indem sie sie nicht verleugnet; sie spielt mit exotischen Atmosphären, aber immer über die Bande mehrfacher Brechung. Die einzelnen Stücke, imaginär auf verschiedenen Meridianen des Globus angesiedelt, klingen wie Stammesmusik, aber doch gleichzeitig experimentell und (post)industriell. Vieles wirkt elektronisch, aber alles ist"akustisch". Das Cello von Sebastian Hilken, mit Büroklammern gespickt, klingt wie die Mbira, das afrikanische Daumenklavier; die PVC-Rohre von Werner Durand, versehen mit Plastiktütenmembranen und Saxophonmundstücken, können sich geräuschlich zur Bohrmaschine wandeln; Hella von Ploetz reibt die Glasstäbe ihrer Glasharfe mit Wasser oder streicht deren Resonanzblech mit einem Bogen, es klingt wie das fatamorganische Tuten eines Ozeanriesen mitten in der Wüste oder das Trompeten von Elephanten. Silvia Ocougne spielt alle möglichen und umgebauten Gitarren - winzige Kindergitarren, Samba-Gitarren, eine Gitarre, die mit überkreuzten Saiten bespannt ist - wie Gitarre klingt es jedenfalls nicht. Eine indische Tampura wird wie eine brasilianische Berimbao behandelt, die Blastechniken der arabischen bzw.iranischen Ney-Flöte auf Plexiglasrohre angewandt. Die eingesetzten Instrumente werden sich zum Verwechseln unähnlich. Auch Blumentöpfe und Pizza-Alu-Formen bekommen ihre Stimme. So finden sich Laos und Castrop-Rauxel, Patagonien und Flensburg,Ghana und Gera musikalisch zusammen in der guten heimischen Stube, die exotischen Phantasien auf sich selbst zurückprojiziert. Der Reisende im Lehnstuhl entdeckt - so befremdet wie fasziniert - das Fremde an sich selbst. Hindustry!

Matthias Osterwold Copyright 2001